DER PASS IST IMMER MODERN

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Updated: August 14, 2014
Peter Hyballa

Peter Hyballa

Artikel in TORWORT

Ein Gespräch mit Peter Hyballa über moderne Trainingsmethoden und sein neues Buch

Peter Hyballa ist Fußball-Lehrer – und das im besten Sinne. Denn nicht nur auf seinen Stationen in Aachen, Graz oder Dortmund erklärte, zeigte und macht er vor, wie es geht – nein, Hyballa legt in regelmäßigen Abständen auch Bücher vor, die sich mit Fußballtraining und dessen Tücken beschäftigen. „Modernes Passspiel“ heißt das neue Werk, das er mit Hans-Dieter Poel zusammen geschrieben hat und das laut Untertitel nicht mehr und nicht weniger als den „Schlüssel zum High-Speed-Fußball“ beinhaltet. TORWORT-Vater Sascha Theisen, selbst nie ein High-Speed-Fußballer, sondern eher behäbiger Stratege, sprach mit Hyballa über das Buch und seine Tätigkeit als Trainer.
THEISEN: Peter, der FC Barcelona und die spanische Nationalmannschaft haben im letzten Sommer nicht eben überzeugt. Dazu wurde dem FC Bayern zu viel schädlicher Ballbesitz angedichtet als das Champions League Halbfinale gegen Madrid verloren ging. Ausgerechnet jetzt legt Ihr ein Buch über perfektes Passspiel vor. Scheiß Timing oder haben all die selbst ernannten Fußballkenner einfach keine Ahnung, worum es im Fußball tatsächlich geht?
HYBALLA: Das ist ja das Geile – viele denken Passspiel ist Ballbesitz und Tiqui Taca und dann wird die Passschublade aufgemacht und die beiden Begriffe reingeworfen und zugeschlossen. Und wenn irgendeine prominente Mannschaft damit erfolgreich ist, wird die Schublade wieder aufgemacht und damit trainiert und wieder angewendet. Doch Passspiel ist doch viel mehr – es gibt auch unzählige Passarten, wie den Wechselpass, Dreieckspass oder Last-Moment-Pass. Man kann verschiedene Passarten in verschiedenen Situationen anwenden. Der bestimmte Spielmoment kreiert die Passart – das haben wir auch in unserem Passpuzzle dargestellt. Und man darf auch nicht den Fehler machen, das was bei den großen Profi-Mannschaften während einer WM oder Champions League passiert, gleich über zu bewerten. Wenn was erfolgreich ist, ist es gut – wenn was erfolglos ist, ist es schlecht. Das ist zu viel „Stammtisch“ – der Pass ist immer modern, besonders auch in der Ausbildung. Es ist die Vorhand im Tennis und die trainierst du auch jeden Tag in verschiedenen Facetten!
THEISEN: Genau wie Du früher, bin ich heute Trainer einer F-Jugend-Mannschaft. Und wenn ich für jedes „Schiiieeeßßß…“ vom Spielfeldrand, wo die Väter und Großväter alles besser wissen, einen Euro bekommen würde, wäre ich schon lange mit Lena Gehrke im Entmüdungsbecken gelandet. Wie lange wird es noch dauern bis die Wichtigkeit von gutem Passspiel auch bei Spielervätern und Trainingskiebitzen angekommen ist?
HYBALLA: Guck, ich bin auch ein halber Niederländer! Das bedeutet dass ich auch viele Pass/trap-Formen im Training anwende. Passen/trappen – Passen und schießen. Denn auch schießen will gelernt sein – denn im Fußball geht es, soviel ich weiß, immer noch um Tore. Dass ist das Wichtigste! Doch aus einem guten Pass kann sich auch ein guter Schuss entwickeln. Denn es ist die ähnliche Bewegung – deshalb haben wir in unserem Buch auch den Torschuss-Pass dazu genommen, was so eine Art Kombi zwischen Passen und Schießen darstellt. Aber wenn die Spieler einen „freien Ball“ haben und keinen Balldruck bekommen und in der Nähe des gegnerischen Tores sind, sollen sie natürlich schießen. Nur mit einem guten und effektiven Passspiel kann der gewinnbringende Torschuss vorbereitet werden. Aber wieso dürfen die Väter und Großväter überhaupt was bei dir rein coachen? Bisschen mehr Autorität ausstrahlen, Trainer Theisen! Junge, Junge, Junge!
THEISEN: Junge Profi-Fußballer sind nicht immer mit gnadenloser Intelligenz geschlagen. Euer Beispiel zeigt aber, dass man schon über einen einzigen Aspekt wie das Passen ein ganzes Buch schreiben kann. Wie bekommt man das alles in den Kopf eines 17-jährigen Jungen, der eh schon glaubt, alles zu wissen? Oder bin ich gerade einem gängigen Vorurteil aufgesessen?
HYBALLA: Ach Intelligenz, wichtig ist auf´m Platz! Und ob eine gute Spielintelligenz mit einer gewissen Schulintelligenz zu verbinden ist, will ich mal anzweifeln. Entscheidend ist es, wie schnell Spieler Spielsituationen lösen können und wie stark sie am Ball sind. Wenn sie spielintelligent sind, Räume erkennen und balltechnisches Know-how besitzen ist das schon viel wert. Das Buch ist explizit auch für Trainer geschrieben, die letztendlich filtern müssen. Sie müssen erkennen, was der Spieler braucht und wie kann ich es vermitteln. Es ist ähnlich wie ein Kochbuch – es gibt zu bestimmten Gerichten (z.B. No-Look-Pass) bestimmte Tipps zur Zubereitung (z.B. 8 gegen 8 mit vier No-Look-Toren). Dann ist die Vermittlung wichtig bei einer Mannschaft. Bei dem einen musst du es ausführlicher beschreiben, bei dem anderen kurz und knapp!
THEISEN: Du trainierst die A-Jugend von Bayer Leverkusen. Wie viel können die Jungs in ihrem Alter noch lernen und woran erkennst Du, ob es einer nach ganz oben packt?
HYBALLA: Die können total viel lernen! Technisch: im Passverhalten, Schußverhalten und Fintenreichtum im Dribbling. Taktisch: wie ich bestimmte Räume erkenne, wie ich sie am Ball ausspielen oder wie ich sie gegen den Ball verteidigen kann. Athletisch, wie schnell ich zum Ball laufen kann und wie ich mich robust in Zweikämpfen durchsetze – defensiv wie offensiv. Und aus mentaler Sicht: wie selbstbewusst bin ich in Stresssituationen, wie kann ich mit Niederlagen umgehen und wie hoch ist meine Eigenmotivation, so dass ich mich nicht abhängig mache von einem bestimmten Trainertyp! Und ob es einer packt – die Dinge die ich angesprochen habe, können als Grundlage dienen und zeigen, ob der Spieler etwas Besonderes hat, egal in welchen Teilgebieten. Das sind Erfahrungswerte und auch das Trainerfeeling, aber auch ich liege nicht immer richtig. Denn es kommen sehr viele Faktoren in der Zukunft vor, die nicht immer planbar sind!
THEISEN: Als ich noch gespielt habe, haben wir im Training nach 15 Runden um den Platz, eine Serie auf unseren Torwart gebolzt und dann ein Spielchen gemacht. Sonntag gab’s dann auf die Nuss. Wo warst Du als ich Dich brauchte?
HYBALLA: Bei allen Konzepttrainingseinheiten – das sind noch Einheiten, die Spieler auch heutzutage lieben. Ok, ich muss zugeben: ohne die 15 Runden! 😉 Da hat kein Fußballer Bock drauf!
Ach, ich glaube viele Trainer machen sich viele Gedanken und das ist auch gut so. Dazu kommen noch viele visuelle Bilder, die man als Trainer in seiner Analyse mit einbeziehen kann. Auch deine F-Jugend-Cracks himmeln doch Messi, Götze und Ribery an und wollen wissen, wie man dies oder jenes trainieren kann. Und wenn man halt viel mit Ball trainiert, wird man logischerweise mit Ball besser. Wenn man viel in Räume trainiert anhand von Spielformen, wird man logischerweise in der Spielintelligenz besser. Und wenn man viel mit Zeitdruck trainiert, wird man logischerweise in stressigen Spielsituationen besser und das ist doch die Idee vom heutigen Trainer. Das hat auch nichts mit Konzepttrainer oder Laptop-Trainer zu tun, was wieder nur eine blöde Schublade darstellt. Man versucht als Trainer den Spieler zu verbessern und nimmt Sequenzen aus dem Spiel in sein nächstes Training. That´s it! Und 15 Runden zu laufen gehört vielleicht mal dazu, aber ganz ehrlich, wird man da besser am Ball oder spielintelligenter?
Wir machen es einfach so, Coach Theisen, deine Spieler kriegen Top-Training von Dir, denn die Jungs und Mädels haben es verdient und deine „Schlaubi-Schlumpf-Väter“, die nur reinbrüllen, laufen die 15 Runden. Dann hast du wenigstens deine Ruhe als Trainer. 😉
Auf der Seite von Peter Hyballa gibt es noch weitere zahlreiche und richtig gute Tipps für Trainer und die, die das werden möchten:www.peterhyballa.org
 

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