Fussball Taktik Analyse – EM 2012 – Gegenpressing

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Updated: Mai 29, 2013

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18.06.12

Fussball Taktik

Deutschlands Stärke ist das völlige „Auspumpen“

Das Gegen-Pressing und das schnelle Umschalten der deutschen Nationalelf auch in großen Räumen haben Taktik-Experte Peter Hyballa beim 2:1 im letzten Gruppenspiel gegen Dänemark beeindruckt.

Nachdem ich Samstag meinen polnischen Torwarttrainer trösten musste, weil sein Team ausgeschieden ist, folgte endlich die Entscheidung auch in Gruppe B: Deutsche gegen Dänen. Offensiv-Ballbesitz gegen Defensiv-Künstler mit schnellem Konterspiel. Wir in unserem internationalen Trainerteam von Sturm Graz (Deutscher, Türke, Pole, Österreicher) waren gespannt.

Ich hatte erwartet, Schmelzer auf links spielen zu sehen. Stattdessen also Bender auf rechts. Sonst die DFB-Elf wie gewohnt. Dänemark begann in einer 4-3-3-Formation mit dem Punkt nach hinten. Das bedeutet, sie spielten mit einem nominellen Sechser und zwei Zehnern davor – also eigentlich ein sehr offensives System. Eigentlich… Die Deutschen im Gegensatz spielten mit dem 4-3-3 oder, wie alle sagen, einem 4-2-3-1 mit dem Punkt nach vorne – also einer Doppel-Sechs und einer Zehn.

Was man daran sieht: Systeme sind lediglich verschiedene Zahlenordnungen. Viel interessanter ist der Stil, ist die Ausrichtung. So spielten die Dänen eher ein 4-1-4-1 mit defensiver Ausrichtung. Die entscheidenden Fragen für die Spieler lauteten: Wo greife ich an? Wie greife ich an? Und was mache ich nach Ballverlust und Ballbesitz?

Warum sich gegen Deutschland viele nicht viel zutrauen

Insofern war es spannend zu sehen, dass die Deutschen, überall wo die Dänen in Ballbesitz waren, Druck auf den Ballführenden ausübten. Entweder Volldruck (per Drauflaufen) auf den Ballführenden, oder indem sie Passwege schlossen (kompakt stehen und direkt drauflaufen).

Es war deutlich zu sehen, dass die Dänen wieder sehr eng beieinander standen, und wie sie vor dem Tor die Abstände eng zu halten versuchten, um bei Ballgewinn zu kontern. Viele Mannschaften spielen gegen Deutschland so, denn sie trauen sich nicht zu, mit Joachim Löws Mannschaft mitzuspielen. Ob das immer die richtige Abwehrstrategie ist – abwarten!

Immer wenn es eng wird, sagt man als Trainer der besseren Mannschaft: Spielt mit einem oder zwei Kontakten. Denn a) kommt ihr dann nicht in den direkten Zweikampf. Und b) könnt ihr das Tempo so weiter hochhalten. Allein: Schnelles Kontaktspiel funktioniert nur bei entsprechender Qualität der Spieler.

Das Problem der Dänen beim 1:0-Führungstreffer für die Deutschen war, dass sie einfach zu tief standen, obwohl sie in den nahen Zweikampf hinein kamen. Die Idee des 4-3-3 ist, dass der ballentfernte Außenstürmer hinten auf den Ball in seiner Position abwartet. Genau das hat Podolski getan. Ein schneller, harter Ball von Müller, Gomez stiftete Unruhe, und der Neu-Londoner lief von hinten aus dem äußeren Raum hinzu, so dass die Defensivspieler schwer verteidigen konnten.

Hut ab vor Morten Olsen und Co.!

Gegen defensive Teams warne ich als Trainer immer vor Standardsituationen, die du nicht einfach herschenken darfst. Badstuber holte die „Dänen-Ecke“ raus, da er Druck auf den Ball ausübte, aber sich trotzdem anschießen ließ. Die Ecke wurde vom Tor weggespielt, was immer mehr Mannschaften praktizieren, weil man so eine gegnerische Ecken-Raumdeckung ausspielen kann. Die besten Kopfballspieler des DFB hatten sich ja genau im Zentrum um den Fünfmeterraum postiert.

Daher der lange Ball der Dänen weg vom Tor auf Bendtner, der den Ball „blind“ ins Zentrum köpfte und zu Krohn-Dehli verlängerte, der das 1:1 erzielte. Schwer zu verteidigen, da du dich als Trainer gerade in der Raumdeckung für bestimmte Räume entscheidest, die du abdecken willst. Wenn die Dänen diese Ecke aber mit „System“ gespielt haben – dann Hut ab für Morten Olsen und Co.!

Genau das Gegenteil in der 32. Minute, wo Özil einen Freistoß aus Halbposition zum Tor hin schlug und dann Hummels zum Kopfball kam. Zum Tor hin schlägst du die Freistöße und Ecken, wenn du deine offensiven Kopfballspieler mit voller Wucht in die Bälle springen lassen willst. Deshalb schießt auch oft auf ein Linksfuß von rechts und ein Rechtsfuß von links. Vom Tor hin und vom Tor weg – das bestimmt der Trainer!

Enge Deckungssysteme knacken

Ein weiterer interessanter Punkt war am Sonntagabend das Umschalten von Offensive auf Defensive. Die Deutschen versuchen immer sofort, den Ball wiederzubekommen, was oft als „Gegenpressing“ tituliert wird. Die Olsen-Elf hingegen ging sofort auf Rückzug. Ihre taktische Marschroute hieß bei Umschalten auf defensiv: Rückzug und die DFB-Jungs kommen lassen. Daher sieht es bei den Deutschen manchmal auch wie langsamer Ballbesitz aus.

Doch die Abstände der Dänen sind sehr eng, so dass die Deutschen viele gruppentaktische Maßnahmen versuchten, wie zum Beispiel das Doppelpassspiel. So kannst du enge Deckungssysteme „knacken“ – auch wenn das Gomez und Co. noch keinen Torerfolg brachte.

Die zweite Halbzeit: Die Dänen kamen super aus der Kabine heraus mit einer schnellen One-Touch-Kombination. Poulsens Schuss aus dem Hinterhalt hätte fast das 2:1 gebracht. Jeder Däne arbeitete auf seiner Position, und wenn es nur ein bis zwei Meter waren. Deshalb trainieren viele Trainer in Positionsspielformen, um den Ball laufen zu lassen. Die Spieler müssen auf ihren jeweiligen Positionen kurz mitgehen oder wegbleiben vom Ball. Tolle Kombinationen von den Dänen: Der Ball lief richtig gut – und die Spieler etwas…

Podolskis Laufarbeit war zu wenig

Die Deutschen hatten zwar weiterhin viel Ballbesitz, doch nun gab es nicht mehr eine so gute und effektive Bewegung der Spieler ohne Ball. Es wurde viel quer geschoben, zu oft standen die Deutschen auf einer Höhe und nicht gestaffelt. Gestaffelt bedeutet, dass man oft hintereinander steht statt nebeneinander – und wenn man gestaffelt steht, kann man schnell in die Tiefe spielen und so Druck auf den Gegner ausüben.

Die Dänen standen zwar weiterhin gut, aber nicht nur der Ball muss in Bewegung bleiben, sondern gerade auch die Spieler ohne Ball. Daher war die gestaffelte Laufarbeit von Podolski zu wenig, und deshalb wurde er auch zurecht ausgewechselt.

Was bei den Dänen positiv ist: Sie haben ihren Plan, und den ziehen sie knallhart durch. Kompakt nach hinten laufend arbeiten, Passwege geschickt zustellen, den Gegner langsam werden lassen – diese „Einlull-Takik“ hat defensiv auch ordentlich ausgesehen. Aber wer weiß, wenn die Dänen nicht etwas offener spielen würden (also mehr nach vorne ausgerichtet), ob sie dann nicht auch ergebnisorientiert effektiver wären.

Auch in der 71. Minute versuchten die Dänen es per Standard, diesmal mit einerkurzen Ecke. Der Sinn dabei ist, dass man im Ballbesitz bleibt und den Gegner herauslocken möchte. Interessant zu sehen, dass defensive Teams immer ein gutes Repertoire an verschiedenen Freistoß- und Ecken-Taktiken besitzen. Zum Glück ist in der 71. Minute nichts passiert.

Bender in bester Gomez-Manier

Und noch mehr Glück dann das 2:1 für Deutschland! Eine tolle Umschaltaktion und unheimlich schnelles Weglaufen vom Ball, auch wenn Klose den ersten Ball nicht bekommt. Bender macht mal eben einen Sprint von 50, 60 Metern und steht quasi als „Restschutz“ hinter Klose, um in bester Gomez-Manier zum 2:1 zu treffen.

Daran erkennt man, dass die DFB-Jungs auch in großen Räumen schnell umschalten können und nicht nur im Ballbesitz bleiben, sondern auch weg vom Ball umschalten. Das ist die große Stärke der deutschen Mannschaft – dass sich in vielen Situationen gerade die jungen Spieler völlig „auspumpen“.

Der Sieg gegen Dänemark jedenfalls ist total verdient, da Ballbesitz und Umschalten zu Torerfolgen führten. Ich mag zwar die dänisches Spielweise nicht, aber trotzdem Hut ab vor den Dänen, wie sie mit ihrer gekonnten Defensiv-Strategie wirklich in all ihren drei Spielen im Turnier gut aussahen. Total enttäuscht war ich hingegen von den Niederländern. Sie sind absolut verdient ausgeschieden. Aber das ist eine andere Geschichte …

Autor Peter Hyballa

Peter Hyballa - Fussball Taktik Analyse