Fussball Taktik Analyse – EM 2012

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Updated: Mai 29, 2013
Fussball Taktik Analyse EM 2012

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14.06.12

Hyballas Fussball Taktik Check

Die Gomez-Pirouette hat ein niederländisches Vorbild

Im zweiten EM-Spiel überzeugte die Nationalelf. Während die Niederländer gar nicht holländisch spielten, beeindruckten den Taktik-Experten Peter Hyballa vor allem die Tore von Mario Gomez.

Duitsland tegen Nederland. Für mich als „halb-halb“ (halb Niederländer-halb Deutscher) war das „Nationalmannschafts-Derby“ natürlich weit mehr als nur interessant!

Trotz der Auftaktpleite gegen Dänemark gab es nur eine Veränderung im Oranje-Team: Mathijsen statt Vlaar. Deutschland spielte komplett so wie beim Sieg gegen Portugal. Beide Trainer wählten die Formation 4-2-3-1, wenn man es defensiv interpretieren will.

Die niederländische Öffentlichkeit kritisiert Bondscoach van Marwijk nicht dafür, dass er dieses 4-2-3-1-System spielen lässt, sondern dass er mit van Bommel und de Jong zwei typische defensiv ausgerichtete Sechser statt mindestens einen spielenden Sechser aufstellt.

Das entspricht ganz und gar nicht der historischen Idee des „total voetbal“. Der nämlich ist offensiv und auf Ballbesitz ausgerichtet, nicht darauf, sich am gegnerischen Ballbesitz zu orientieren. Aber van Marwijk hat seinen Plan mit der Doppel-Sechs gemacht, und wenn ein Trainer einen taktischen Plan hat, muss er ihn auch durchziehen!

Abwehr-Mittelfeldpressing

Beide Teams fingen sehr verwaltend an, spielten bei Ballbesitz des Gegners nicht in vorderster Front – sondern übten ein kombiniertes Abwehr-Mittelfeldpressing aus. Sie versuchten also überall die Abstände zwischen den Mitspielern eng zu halten und mit einer total kompakten Deckung auf den ballbesitzenden Gegner zu warten und dann wieder schnell umzuschalten.

Allerdings: Wenn man kompakt nach hinten läuft, hat man bei Distanzschüssen immer ein Problem. Siehe Özils Pfostenschuss in der Anfangsphase!
Um kompakte Deckungen auszuspielen, ist das Weglaufen vom Ball ein probates Mittel: also aus seiner Position wegsprinten, um dann den langen Ball zugespielt zu bekommen. Van Persie zum Beispiel versuchte immer wieder aus der Position nach vorne zu laufen. Lange Bälle sind immer ein interessantes Mittel gegen Mannschaften, die sich in einer bestimmten Abwehrzone postieren.

Die Niederländer versuchten auch ab und zu, auf die Flügel auszuweichen, um Räume zu schaffen. Aber die Deutschen blieben sehr kompakt in ihrer Abwehrreihe, manchmal sogar 4 gegen 0. Dass heißt, wenn van Persie nach außen auswich, blieb die Viererkette kompakt und ging nicht raus – auch wenn null Spieler in vorderster Linie waren. Das hatte gegen Portugal noch etwas anders ausgesehen.

Tor von Gomez „technisch total geil“

Das 1:0 für Deutschland war ein Super-Tor von Gomez, der mit links aufdrehte und den Ball mit rechts einschob – zwei Kontakte, eine Bewegung, technisch total geil. Aber wie kam es zu der Chance?

Die Niederländer waren wieder nach hinten gelaufen, kompakt geblieben – aber Schweinsteiger wurde gar nicht angegriffen, auf ihn wurde überhaupt kein Druck ausgeübt. Schweinsteiger konnte also alles machen, hätte sogar noch andribbeln können in den freien Raum, spielte aber den Steckpass zu seinem Bayern-Kollegen. Zwar standen mehrere niederländische Verteidiger um Gomez herum – wohlgemerkt: sie standen herum, machten gar keinen Druck auf Gomez, keinen Druck auf den Ball, kein Foul – halt gar nix.

Nichtsdestotrotz: Das Tor war von Gomez ganz stark gemacht.

Autor Peter Hyballa

Peter Hyballa - EM Analyse
Peter Hyballa – EM Analyse