Fussball Taktik Analyse – EM 2012 – One-Touch-Kombinationen

By
Updated: Mai 29, 2013
Peter Hyballa - EM Analyse

dw-logo

23.06.12

Peter Hyballa – Fussball Taktik Analyse bei der EM 2012

One-Touch-Kombinationen knacken Griechen-Beton

Die Griechen bemühten eine Art Chelsea-Strategie, analysiert Fussball Taktik Experte Peter Hyballa. Er ist froh, dass durch den Sieg der DFB-Elf das destruktive Spiel Griechenlands vorbei ist.

Peter Hyballa ist Trainer von Sturm Graz. Zuvor war er Chefcoach bei Alemannia Aachen und Red Bull Salzburg Juniors sowie A-Jugendtrainer bei Borussia Dortmund, VfL Wolfsburg und Arminia Bielefeld. Für „Welt Online“ analysiert der 36-Jährige alle deutschen EM-Spiele aus taktischer Sicht.

Zack, schnell noch mit einem möglichen Zugang für Sturm Graz gesprochen, dann noch ein T-Bone-Steak gegessen und ab zum TV-Gerät gesprintet. Viertelfinale Deutschland gegen Griechenland: Interessant, interessant. Vier Veränderungen im Vergleich zum Spiel gegen die Dänen. Jerome Boateng kommt zurück, und die gesamte Offensivabteilung ist neu – mutig oder nicht – egal, der Bundestrainer weiß, was er macht! Mehr Schnelligkeit im Spiel – mal sehen, ob die Taktik aufgeht. Totale Offensive gegen totale Defensive, ich bin gespannt!

Bei der Spieleröffnung der Griechen ist interessant zu sehen, wie die DFB-Elf gegen den Ball agiert. Sie lässt die Hellas-Jungs spielen und greift erst dann an, um die Gefahr eines langen Balles und eines Konters zu verhindern. Wenn ein Außenverteidiger der Griechen den Ball bekommt, gehen Andre Schürrle und Marco Reus sofort drauf, also so ein Art „verzögertes Außenpressing“.

Schnell stellt sich die Griechenland-Taktik als eine Art Chelsea-Strategie dar: eng zusammen im Abwehrverbund auf den Gegner warten, um die Räume eng zu halten – was aber beim Abseitstor von Schweinsteiger fast schon schief geht. Jeder deutsche Ballführende wird zwar kurz angelaufen, aber ganz vorsichtig – und immer in der Rückwärtsbewegung, so dass man Zeitverlust beim Ballführenden erwirken kann.

DFB-Elf mit One-Touch-Kombinationen

Um eine eng gestaffelte und tief stehende Verteidigung zu knacken, helfen One-Touch-Kombinationen, wie in der 12. Minute, als Reus abschließen kann – mit einem Kontakt zu spielen, so hältst du eine tief stehende Abwehr in Bewegung, wenn sie nicht gut genug die Passwege schließen kann.
Eine andere Strategie der Griechen besteht im „Treten“ – gerade wenn die DFB-Jungs den Ball gespielt haben, geht der Gegner schön auf die Füße, da er eine gewisse Härte ausstrahlen will. Darum ist die Gelbe Karte in der 15. Minute gegen Samaras genau richtig!

Auch eine harte Zweikampfführung ist eine Spielstrategie gegen den Ball, um den Gegner einzuschüchtern! Das Umschalten der Griechen in die Offensive ist gar nicht richtig gewollt – beim Umschalten müssen viele Spieler nach vorn sprinten, doch wenn der Ballführende und dazu höchstens ein, zwei Spieler mit in die Offensive sprinten, bleibt man halt in Unterzahl. Und so ist es schwierig, einen Treffer zu markieren!

Der Ballbesitz der Deutschen ist nicht schlecht – aber nicht zielgenau und schnell genug, doch der Sinn bei langem Ballbesitz, auch wenn es nicht zügig genug geht, ist es, den Gegner müde zu spielen! Die Bewegung ohne Ball muss noch besser sein, aber viele Ballstafetten gibt es, und die entscheidende Lösung, z.B. wie der letzte tödliche Pass, ist noch nicht da. Dann wieder die nächste One-Touch-Kombination und die nächste Riesenchance durch Özil, das Schieben des Balles ist eine gute Idee – aber leider zu unplatziert.

Ab und zu sehen wir bei den Deutschen vielleicht ein schlampiges Passspiel – gerade Bastian Schweinsteiger spielt oft in die Richtung, in die er auch schaut. Und die Griechen durchschauen das ab und zu. Das Problem gegen tief stehende Gegner besteht darin, dass du die Passqualität immer hoch halten musst und die Konzentration automatisch verlierst, wenn du immer am Ball bist.

Ich guckte in einem Grazer Hotel, plötzlich kommt eine nette 20-köpfige, deutsche Senioren-Gruppe in der 35. Minute herein, und die Stimmung vor dem TV steigt. Dass ein netter Mit-Sechziger sich wundert, dass ein Tor 7,32 Meter breit ist, ist zwar erheiternd, aber das 0:0 nervt gewaltig.

Viel Ballbesitz, Doppelpässe und gewagte Risikopässe

Zurück zur Analyse: Ein interessantes Mittel gegen tief stehende Abwehrreihen, die immer weiter zurücklaufen, sind Distanzschüsse, und wenn dann die „Falsch-Fuß-Taktik“ wieder sticht, umso besser. Philipp Lahm trifft wieder mal von der linken Seite mit dem rechten Fuß – der Ball ist super über den Spann gerutscht und daher das absolut verdiente 1:0 folgerichtig. Wenn du immer nur abwartend verteidigst, musst du dich nicht wundern, wenn der Gegner Torchancen kreiert. Daher sind die taktischen Ideen gegen „tiefe“ Griechen: One-Touch-Kombinationen, viel Ballbesitz, Doppelpässe, gewagte Risikopässe in die zentrale Tiefe und Distanzschüsse (wie der von Schürrle in der 45. Minute ans Außennetz!).

Nach der Pause dasselbe Spiel: Die Deutschen kombinieren und dribbeln weiter auf ihre Gegenspieler, um sie erneut in die Defensive zu drängen. Das Offensivverhalten der Griechen ist einfach schwach, ein-, zweimal den Ball querzuschieben, ohne einen Passempfänger zu finden, weil einfach zu wenig Bewegung und zu wenig Qualität in der vordersten Linie vorhanden sind, reicht nicht aus.

Auch wenn einmal eine Konterchance der Griechen bis nahe vor das Tor kommt, gehen Holger Badstuber und Mats Hummels zuerst auf Tiefe und dann im richtigen Moment in die Gegenbewegung, um Druck auf den Ball auszuüben.

Doch beim nächsten Konter (zuvor Ballverlust im Mittelfeld der Deutschen) kommen die Griechen über den rechten Flügel – der Querpass kommt scharf herein, und Samaras drückt den Ball über die Linie – auch weil Boateng auf den Ball schaut und kurz den Mann aus den Augen verliert – doch dieser halbe Meter ist wichtig! Aber tolle Konteraktion der Griechen – tolles Tempo im Andribbeln, Samaras top nach vorn gelaufen, Passqualität top! 1:1.

Khedira ballert und ein typisches Klose-Tor

Aber die Deutschen bleiben cool und machen einfach weiter. Boateng als ballnaher Außenverteidiger geht komplett mit nach vorn – präzise Flanke, Miroslav Klose „bindet“ den ersten Innenverteidiger, so öffnet sich Raum, und Sami Khedira „ballert“ den Ball mit voller Überzeugung in die griechischen Maschen! Das Tor fällt auch, weil die Griechen zu tief stehen, aber das muss ich ja nicht mehr erwähnen…

Übrigens: Die Seniorengruppe tippte ein 9:0, aber der Tipp ist Mitte der zweiten Halbzeit hinfällig, vielleicht kommt ja ein 9:1 heraus … Die nächste Aktion ist ein typisches Klose-Tor: Sprungkraft, super abgedrückt mit einem Bein, Mesut Özil flankt mit dem linken Fuß zum Tor hin. Auch interessant, dass Müller vor Klose zum Ball sprintet und so noch etwas mehr Raum für Klose öffnet. Die Kopfballtechnik des Lazio-Stürmers ist einfach top – der griechische Torwart tut durch sein zurückhaltendes Rauslaufen sein übriges!

Auch ein tolles 4:1: Interessant ist, dass Reus den „berühmten“ zweiten Ball (der abgeprallte Ball von Kloses erstem Schuss) reinmacht – weil er mitläuft und mit voller Wucht unter die Latte schießt.

Bei aller sportlichen Fairness gegenüber den Griechen und Glückwunsch zum finalen Elfmeter-Tor – ich bin echt froh, dass sie raus sind. Komplett destruktiver Verteidigungsfußball mit ein paar Konter-Häppchen ist einfach zu wenig für ein EM-Viertelfinale. Löws Elf gewinnt verdient, weil sie Rezepte findet gegen eine tief stehende Abwehr! Weiter geht’s. England oder Italien freuen sich mit Sicherheit nicht auf Deutschland!

Autor Peter Hyballa

Peter Hyballa - Fussball Taktik Analyse