Peter Hyballa – Italiens Zwei-Stürmer-System als Erfolgsrezept

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Updated: Mai 29, 2013
Peter Hyballa -Taktik Check

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29.06.12

Peter Hyballa – Taktik-Check zur EM 2012

Italiens Zwei-Stürmer-System als Erfolgsrezept

Die Italiener haben bei dieser EM gegen den Trend aufgestellt und sogar gegen Deutschland gewonnen. Experte Peter Hyballa war vom modernen Kick-and-Rush mit Balotelli und Cassano begeistert.

Den ewigen Klassiker Deutschland–Italien habe ich in unserem Trainingslager in Söchau auf Großleinwand geschaut. Die Italiener hatten zwar auch gegen die Engländer im Viertelfinale stark gespielt, aber bereits in der 3. Minute überraschten sie mich: Sie pressten sogar den deutschen Torhüter Neuer an und verteidigten in der ersten Linie – also untypisch italienisch.

Das deutsche System war interessant: Kroos spielte zu Beginn zwar im 4-2-3-1 den Rechtsaußen, aber trotzdem eine andere Rolle als sonst Müller, Reus oder Schürrle. Er spielte etwas nach innen, so dass er mehr über den Ballbesitz und übers Fußballspielen kam. Anders als der pfeilschnelle Rechtsaußen alter niederländischer Prägung.

Danach aber kam immer wieder Özil über die rechte Seite, der Sinn sollte sein: a) die Falsch-Fuß-Taktik, so dass Özil mit seinem linken Fuß durchs Zentrum schießen und spielen kann, und b) hohes Tempodribbling, immer mit dem Zug nach innen, so dass die Italiener weiter nach hinten laufen, so dass größere Räume entstehen und diese bespielt werden können.

1:0 für Italien nach tollem Wechselpass

Das Positive, gerade in der Anfangsphase, war die Feldbesetzung der Deutschen. Im Ballbesitz standen sie weit auseinander und standen zwischen den Linien der einzelnen Mannschaftsteile, so dass sie oft im Rücken der Italiener waren. Das Gute daran: Es war für Italien schwer zu verteidigen – immer wieder wurden auch tiefe Bälle gespielt. Das ist natürlich riskant, aber wenn der Ball dann kommt, kann vertikal die „Post abgehen“.

Das Tor der Italiener entstand durch einen tollen Wechselpass über die linke Seite. Das Problem der Deutschen war, dass sie schon sehr tief standen und keinen Balldruck entwickelten. Hummels konnte die Flanke von Cassano nicht verhindern.

Deutsche verteidigten zu behäbig

Die Deutschen standen zwar im Raum, aber verteidigten viel zu behäbig. So kurz vor dem Tor ist es dann schwer gegen Balotelli. Der Wechselpass, das Dribbling, die Flanke und der Kopfball der Blauen waren top. Aber die deutschen Spieler standen auch einfach zu tief und waren null aggressiv.

Viele Mannschaften spielen mit hohen Außenverteidigern oder Außenstürmern, da man dann auch mit langen Diagonalbällen spielen kann – und wenn der Gegner den Passempfänger nicht direkt stört und nur im tiefen Raum steht, hat er ein Problem. Mit einem guten Wechselpass kann man direkt 50-60 Meter überbrücken, wozu man mit kurzem Passspiel fünf oder sechs Stationen benötigt. Das zeigten die Italiener vor dem 1:0.

Die Deutschen entwickelten ihre Chancen immer wieder durch vertikale schnelle Bälle. Gerade Özil hatte immer wieder kreative Ideen – aber seine Anspielpunkte war zu wenig in Laufaktion (Gomez) oder machten einfach zu viele Technikfehler (Podolski). Aber auch die Italiener spielten auf Ballbesitz und konnten die Deutschen so in Bewegung halten.

Lahm hob Abseitsstellung auf

Bei dem ganz langen Ball, der zum zweiten Tor der Italiener führte, war übrigens nicht das Problem, dass die Deutschen zu „hoch“ standen, sondern dass Lahm die Abseitsstellung aufhob. Das passiert immer, wenn ein Außenverteidiger hinter seinen eigenen Innenverteidigern steht. Wenn ein langer Ball kommt, muss man in der Verteidigung immer kurz absinken oder halt komplett auf Abseits spielen – aber nie eine Zwischenlösung finden. Ein bisschen absinken und ein bisschen auf Abseits spielen ist nicht so gut.

Dass Balotellis Schuss von seinem rechten Schussbein noch über seinen Vollspann rutschte und so Neuer keine Chance hatte, ist unglücklich aus deutscher Sicht – aber auch die Qualität und dass Selbstvertrauen von Balotelli, der 100 Prozent Risiko in den Schuss reinbrachte. Dass das 2:0 direkt nach einer deutsche Ecke fiel – zeigt, dass das Umschaltverhalten offensiv einfach immer wichtiger wird.

Auf Seiten der deutschen Elf waren Kroos (zu langsam in den Kontakten), Podolski (technisch zu schwach für den kurzen Ballbesitz) und Gomez (nicht beweglich genug für den tiefsten Anspielpunkt) einfach nicht im Spiel.

Zwei bis drei Deutsche technisch zu schwach

Darum wurden viele Distanzschüsse ausprobiert, zum Beispiel von Khedira. Das kurze und flache Passspiel wurde unterbunden, weil die „Squadra Azzura“ gerade im Zentrum gut verteidigte und weil zwei bis drei Angriffsspieler aus technischer Sicht und in puncto Passqualität einfach zu schwach waren (siehe oben). Ein weiterer Kritikpunkt: Die Standards von Kroos wurden viel zu locker und behäbig reingespielt – obwohl es ein komplett „freier“ Ball ist.

Dass beide Tore der Italiener aus langen Bällen resultierten, ist interessant. Das moderne Kick-and-Rush kann also gewinnbringend und effektiv sein. Bei dem ganzen FC Barcelona-Kurzpass-Gerede ist es super zu erkennen, dass die „langen“ Lösungen noch effektiv sind.

Die beiden Auswechslungen zur zweiten Halbzeit waren irgendwie typisch deutsch. Löw tauschte Position für Position aus. Interessanter wäre gewesen, mit Gomez und Klose zu spielen, gerade bei einem 0:2-Rückstand. Die taktische Ordnung war aber doch wieder mal wichtiger als die risikoreiche Offensivfreude.

Zwei Angreifer müssen taktisch kaum geschult sein

Dass es manchmal mit zwei Stürmern besser funktioniert, zeigten die Italiener. Sie hatten mit Balotelli und Cassano zwei Anspielpunkte. Im System mit zwei Angreifern müssen die Stürmer taktisch kaum geschult sein. Sie müssen einfach laufen, laufen, laufen… Und die Viererketten von heute sind das Spiel gegen zwei Angreifer gar nicht mehr gewöhnt, weil sich überall dieses 4-2-3-1-System durchgesetzt hat.

Was die italienischen Stürmer klasse machten: Sie liefen vom Ball weg und schafften Räume – und die Pässe kamen mit Tempo in die Tiefe.

Trotzdem: Zu Beginn der zweiten Hälfte hatte die deutsche Elf endlich wieder eine tolle Kombination über Reus und Lahm und dann eine tolle Chance durch Lahm, der unheimlich „hoch“ stand und stark mit nach vorne gegangen war.

Kroos machte zu wenig

Doch insgesamt war das deutsche Mittelfeldspiel zu langsam, was auch an Kroos lag: Nur den Quer-Ballbesitz zu sichern und aus dem Stand viele Bälle zu spielen ist gerade in der Kreativzentrale zu wenig. So kann man die italienischen Defensivkünstler nicht aus dem Konzept bringen. Özil ist gerade was Andribbeln und tiefe Tempo-Pässe angeht einfach ein anderes Niveau!

Wie die Deutschen ab und zu durchs Zentrum mit schnellen Ballstaffetten spielten, war allerdings wieder top. Die Einwechslung von Reus auf Podolski hatte sich nach ein paar Minuten schon ausgezahlt, weil Reus mehr Tempo machte und im offensiven Eins-zu-Eins einfach quirliger und besser ist. Sein Freistoß an die Latte in der 61. Minute war hätte ein Tor verdient gehabt.

Italiener haben gegen den Trend aufgestellt

Doch die Italiener spielten auch nach dem 2:0 weiter mit unheimlich hohem Tempo in die Spitze. Dieses hohe Passtempo der Blauen war mir echt neu. Die Deutschen, besonders Kroos und Schweinsteiger, passten zuviel nach hinten und zuviel quer. Die Auswechslung von Boateng zu Müller war richtig: Löw musste volles Risiko gehen. Gebracht hat es nichts mehr, nur den hoch verdienten Ehrentreffer von Özil kurz vor dem Abpfiff.

Die Italiener haben gegen den Trend aufgestellt und gewonnen – „Respecto“! Eine andere Meinung zu haben, auch in Taktik- und Systemfragen, ist manchmal gewinnbringend!

Herzlichen Glückwunsch zum Einzug ins EM-Finale, Italien! Hut ab vor den Wechselpässen, dem modernen Kick-and-Rush, den Umschaltphasen und dem Zwei-Stürmer-System. Wenn sie Europameister werden, haben sie vielleicht einen neuen Trend gesetzt.

Autor Peter Hyballa

Peter Hyballa - EM Analyse
Peter Hyballa – EM Analyse