Peter Hyballa: Taktik-Check bei der EM 2012

By
Updated: Mai 29, 2013
Peter Hyballa - Fussballexperte

dw-logo

02.07.12

Peter Hyballa – Taktik-Check zur EM 2012

 

Wenn das erste Tor geil war, dann ist das zweite…

Für unseren Experten Peter Hyballa sind die Spanier verdient Europameister geworden. Der Titelverteidiger beherzigt das Trainer-Motto „In jedem Pass muss eine Botschaft stecken“ nahezu perfekt.

Peter Hyballa ist Trainer von Sturm Graz. Zuvor war er Chefcoach bei Alemannia Aachen und Red Bull Salzburg Juniors sowie A-Jugendtrainer bei Borussia Dortmund, VfL Wolfsburg und Arminia Bielefeld. Für „Welt Online“ analysiert der 36-Jährige das EM-Finale aus taktischer Sicht.

So, das EM-Finale, leider, leider nicht mit Deutschland, aber gut. Trotzdem ist es ein tolles Duell, weil Spanien sich mit seiner Kurzpassstrategie und Italien mit einem schnellen Umschaltverfahren verdient ins Finale gespielt haben!

Wir sehen ein italienisches 4-4-2 gegen ein spanisches 4-3-3 – zwei interessante Systemordnungen. Beim 4-4-2 wird eigentlich mehr durchs Zentrum gespielt, und du hast eben auch zwei klare tiefe Anspielpunkte. Die Spanier spielen mehr in ihrer Anordnung, mehr über die Flügel und mehr auf Ballbesitz, wenn du mit Iniesta und Silva über die Flügel spielst, kannst du hervorragend „einfach“ Fußball spielen.

Beim 4-4-2 der Italiener kannst du deswegen schnell umschalten, weil Balotelli und Cassano sofort kurz und lang anspielbar sind. Beide lassen sich auch nicht immer fallen, sondern stehen auch mal im Raum, sie pokern quasi und schaffen mit ihrem Vorwärtsdenken Raum. Vorwärtsdenken und Italien – ich muss dabei schon innerlich schmunzeln… Aber die Italiener verfolgen einen neuen Trend!

„In jedem Pass muss eine Botschaft stecken“

In der 10. Minute ist beim Weitschuss von Xavi zu sehen, welche Passqualität in der Vorbereitung um eine Torchance zu kreieren, bei Espana vorhanden ist. Wir Trainer sagen zu den Spielern: „In jedem Pass muss eine Botschaft stecken.“

Apropos eine Pass-Botschaft: Was für ein geiles Tor zur spanischen Führung. Iniesta spielt den tiefen Ball, wird aber auch nicht richtig angegriffen, aber was für eine Passqualität! Qualität mit 5 Sternen. Ich bin begeistert. Fabregas läuft vom Ball, der erste Kontakt ist super eng am Fuß, der Ball springt überhaupt nicht weg – jeder andere würde hektisch auf das Tor schießen.

Ich glaube, dass Fabregas seinen hereinlaufenden Mitspieler Silva nicht sieht, sondern einen „blinden“ Ball reinspielt – aber egal, trotzdem ist der Assist scharf reingespielt (auch wenn er hoch kommt). Und Silva läuft mit voller Wucht in den Ball!

Starke Flachpasstechnik

Die Italiener haben gar nicht so schlecht verteidigt – standen überall im Raum und haben versucht, die Passwege zuzustellen. Aber die technischen Fertigkeiten der Spanier (Passqualität und Ballmitnahme) sind bei diesem 1:0 top!

Interessant, wie die Spanier ihr Schaltverfahren immer wieder vollziehen – ab und zu, wenn die Italiener 30 Meter vor dem spanischen Tor sind, spielen sie manchmal mit einer Sechser-Kette – alle machen in der Defensive voll mit, und offensiv sind oft sieben Spieler vor dem Ball.

Auch pressen sie nicht immer auf den Ball, sondern stellen Passwege überall zu. Die Verteidigung sieht natürlich besser aus, aber letztlich nur, weil die Italiener nicht so eine starke Flachpasstechnik wie die Spanier besitzen!

Aber die Squadra Azzurra versucht, immer wieder mit ihren hohen Außenverteidigern auch die Flügel zu besetzen – der eingewechselte Balzaretti spielt in der 25. Minute eine harte Flanke Richtung Casillas‘ Tor – weil er in der Situation eine Art Außenstürmer spielt – und in einem offensiven 4-4-2, das die Italiener erstaunlicherweise die gesamte EM spielen, ist dies eine taktische Finesse. In einem 4-4-2, in dem Pirlo der Ballverteiler über die gesamte Spielzeit ist, musst du die Mitte öffnen, und das kannst du nur mit sehr hohen Außenverteidigern!

Top-Fitness

Nächste Situation in der 29. Minute – ein tiefer Ball von de Rossi auf Cassano – und die nächste Parade von Casillas. Interessant auch die taktische Rolle von Balotelli zu sehen: Erst kommt er unheimlich dem Ball entgegen und zieht die spanischen Abwehrspieler mit, dann kommt der Ball, den er klatschen lässt (auf niederländisch sagt man: kaatsen) auf de Rossi, der dann einen tiefen Ball mit einer „spanischen“ Passqualität zu Cassano spielt, der zu früh auf dass Tor schießt, denn Balotelli hat in der Zwischenzeit schon einen Sprint angezogen und erwartet den Querpass.

Der Unterschied von Cassano und Fabregas zum 1-0-Assist ist die Ruhe am Ball – und das ist QUALITÄT!

Wahnsinn auch dass Umschalten auf Offensive der Spanier, der Ballführende macht Tempo, und die Spieler ohne Ball sprinten weg vom Ball – vertikal oder seitlich, um Tempofußball zu spielen. Es gibt Szenen, z.B. in der 37. Minute, bei denen im Umschaltverfahren von Defensive auf Offensive die Spanier in Überzahl stehen. Bei aller Passqualität und Tiki-Taka-Fußball haben die Spanier auch eine Top-Fitness!

Superlativ für das 2:0

Und dann das 2:0, wenn das erste Tor geil war, dann ist das zweite…Ach, ich weiß nicht, suchen Sie sich einen Superlativ aus! Langer Ball von Casillas, dann der Ball in Seelenruhe weitergeleitet vom Torschützen Jordi Alba zu Xavi, und was für ein tiefer Ball?! Passqualität top und genau in den Lauf des heraussprintenden linken Außenverteidigers Jordi Alba gespielt.

Man höre und staune: linker Außenverteidiger! Ganz wenige Kontakte von allen Spielern, und wie Jordi Alba aus seiner Position wegstartet, ist einfach sensationell. Und auch als linker Außenverteidiger bleibt er so cool vor dem Tor, um den Ball schließlich reinzuschieben. Hut ab!

Das ist taktisch gesehen brillant: schnelle Mitnahme, vorbereitet mit „Tiki-Taka“, weglaufen aus der Position und überragend vertikale Bälle in den Fuß und in den Lauf des Mitspielers.

„Zidane-Qualität“

Okay, kurz durchschnaufen, zweite Halbzeit. Di Natale für Cassano, der innerhalb von sieben Minuten direkt zwei Chancen besitzt. Was bei den Spaniern neben ihrer Passqualität noch zu erwähnen ist, ist die absolute Ruhe am Ball, auch beim Dribbling.

Auch wenn ein Gegner nahe am Körper klebt, die Spieler des alten und neuen Europameisters behalten mit ihrer „Zidane-Qualität“ Ruhe am Ball und können so den Ball behaupten. „Zidane-Qualität“ deshalb, da er der König des Ballbehauptens war, auch wenn zwei, drei Gegenspieler an ihm dran waren und ihn verteidigten, leitete er den Ball stets ruhig weiter!

Das Sympathische an den Spaniern ist, dass sie keine tiefe Deckung spielen in der zweiten Halbzeit, sondern klar auf das dritte Tor aus sind. Dadurch entstehen natürlich auch wieder Räume für Italien, das offensiv alles versucht und auch Chancen hat.

Mutiger Prandelli

Die größte Kritik bekommen Trainer immer wieder durch ihre Aus- und Einwechslungen, es wissen ja auch alle besser! Der Mut von Italiens Coach Prandelli ist beeindruckend: In der 57. Minute bringt er mit Motta noch einen Offensivspieler. Dass dieser sich kurz darauf muskulär verletzt, ist Pech – aber auch oft das unprofessionelle Aufwärmen von Ersatzspielern.

Schauen Sie sich mal Nachwuchs- oder Profispieler beim Aufwärmen an – als Trainer bekommt man oft die Krise, denn mit der richtigen Vorbereitung auf den Wettkampf hat das nichts zu tun hat!

Und zehn Italiener gegen elf Spanier – da ist der Drops gelutscht. Prandelli spielt ein 4-3-2 weiter, mit Balotelli, der sich als ein halber Zehner immer wieder aus der Tiefe kommend einschaltet. Aber die spanische Passqualität in der Überzahlsituation ist einfach nicht mehr zu verteidigen!

Lob für Italien, Verbeugung vor Spanien

Die Luft ist in den letzten 20 Minuten raus, weil Spanien weiter nach vorn spielt, um die Italiener vom Tor weg zu halten und um noch einen Treffer zu erzielen. Und die Prandelli-Truppe will noch über ein vertikales Spiel einen Treffer erzielen oder noch eine Standardsituation rausholen.

Apropos vertikales Spiel: Der Gegner hat den Ball, die Italiener haben Ballverlust, weil Espana Druck auf den Ball macht – und wie immer: Xavi denkt tief, schaut tief und spielt tief. Torres läuft vom Ball weg, schafft so Raum, hält das Tempo damit hoch und bleibt kaltschnäuzig vor dem Tor! 3:0. Klasse geschaltet wieder von Defensive auf Offensive! Das 4:0 von Mata wird wieder aus der Tiefe herausgespielt, nur noch mit Zwischenspieler Torres.

Ein dickes Lob von mir für Italien, das ein tolles, weil offensives Turnier gespielt hat. Aber ich verbeuge mich vor Spaniens Trainer Vicente del Bosque und seinem Team. Nennen Sie mich heute Pedro Hyballo – einfach überragend diese Truppe. Passqualität, Umschaltverfahren, tiefe Bälle, Zweikampfhärte und Coolness vor dem Tor! Ein verdienter Europameister.

Autor Peter Hyballa

Peter Hyballa - EM Analyse

Peter Hyballa – EM Analyse