Vergleich der Konzept- und Fußballersprache in der neuen 11Freunde

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Updated: Dezember 31, 2014

11 Freunde – Magazin für Fußballkultur

Peter Hyballa berichtet in der neuesten Ausgabe der 11Freunde (Magazin für Fußballkultur – Nummer 158 – Januar 2015) www.11freunde.de,  die Wichtigkeit der rhetorischen Trainer-Hilfsmittel von der sogenannten heutigen Konzeptsprache und der guten alten Fußballersprache! Im Sommer trafen sich in Berlin-Mitte Christoph Biermann (Mitglied der Chefredaktion von 11 Freunde) und Fußballlehrer Hyballa zum Gespräch. Biermanns Protokoll mit der Überschrift „Rangehen wie in der Disco“ können Sie hier lesen:

Rangehen wie in der Disco

„Räume ziehen“ oder „Gras fressen“, wie sollten Trainer eigentlich mit ihren Spielern reden? Peter Hyballa fordert den Grenzgang zwischen alter und neuer Fußballsprache

Wenn manche Fans hören würden, wie Trainer und Spieler heute miteinander reden, würden sie sich sehr wundern und fragen, worum es da eigentlich geht. In Mannschaftsbesprechungen wird heute nämlich vielerorts ganz selbstverständlich eine ganz eigene „Konzeptsprache“ gesprochen. Wenn der Trainer will, dass sein Zehner in den Raum startet, um den gegnerischen Innenverteidiger oder Sechser mitzunehmen, heißt es: „Wir wollen den Raum ziehen.“ Dann wäre der Gegner in die Falle getappt, und der Sechser der eigenen Mannschaft kann in einem Raum spielen, den es vorher nicht gab.

Es gibt heutzutage endlos viele solcher Begriffe für taktische Vorgaben. Wir sprechen von der „Falschen Neun“ und der „Tiefen Zehn“, Spieler werden gezielt „isoliert“, und der Ball „zirkuliert im Spielaufbau“. Meist sind das Sprachbilder, die sich von den vielen Videos herleiten, die wir heute zur Verfügung haben. Heute können wir uns mit einem Klick auf dem Computer die entsprechenden Spielszenen anschauen. Dann sieht man, ob die Spieler den gegnerischen Angriff wirklich „indirekt gesteuert“ haben. Ob sich also der eigene Neuner so positioniert hat, dass der linke Außenverteidiger nicht angespielt werden konnte. Weil wir wollten, dass der Gegner nach rechts spielt, um ihn da zu stellen. Dann erkennt man auch, ob die Mannschaft sofort „Balldruck“ gemacht und sich auf den vermeintlich schlechteren Außenverteidiger gestürzt hat.

Manche Begriffe sind sogar regional eingefärbt. Der „Steilpass“ oder „Vertikalpass“ oder „Steckpass“ aus dem Mittelfeld auf einen Stürmer heißt der „tödliche Pass“, in Süddeutschland sagt man „Loch-Pass“. Und Ralf Rangnick hat in Hoffenheim eine „kompakte Rückwärtsbewegung“ mal als „Häufeln“ bezeichnet, weil sich die Spieler hinter dem Ball zusammenrotteten.

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Vor allem in den Nachwuchsleistungszentren, aber zunehmend auch innerhalb von Profimannschaften wird dieser Sprache benutzt. Junge Spieler wollen von ihrem Trainer wissen, ob gegen einen Gegner mit Dreierkette der Neuner oder der Zehner draufgehen und der Achter hochschieben soll. Ein 16-Jähriger wird selbstverständlich fragen: „Trainer, der Gegner kommt im 4-4-2, laufen wir ihn im 4-4-1-1 an, und wo steuern wir hin? Spielen wir einen Chipball oder Tiki-Taka?“

Doch was ist eigentlich aus der alten, traditionellen Fußballsprache geworden, gibt es die noch? Ja, und sie hat weiterhin ihre Berechtigung. Die Konzeptsprache entspricht Gebrauchsanweisungen, wenn ein Trainer aber sagt: „Wir gehen drauf!“, stellt erst mal eine emotionale Bindung her. Die Spieler sagen sich dann: „Alles klar, mein Trainer ist ein bisschen Macho, wir warten hier nicht ab. Das ist wie in der Disco, ich stehe hier nicht nur rum.“ Man kann einem Spieler einerseits technisch-taktisch erklären, warum er schlecht gespielt hat. Oder man kritisiert ihn, indem man seine Mentalität in Frage stellt. Dabei hilft die alte Fußballsprache: „Du hast keine Drecksarbeit gemacht“.

Beide Sprachen haben also ihre Berechtigung. Zudem hat die Weltmeisterschaft in Brasilien gezeigt, dass das Kriegerische und Wilde wieder en vogue ist: Irokesenschnitt und Ganzkörpertätowierung, Gras fressen und als elf Freunde füreinander einstehen. Das haben viele Mannschaften ausgestrahlt. Und auch sonst muss man in unserer Welt bestimmte Werte einfach leben: kämpfen, rackern und arbeiten.

Die beiden Sprachen müssen auch deshalb wieder mehr Nachbarn werden, weil wir ganz unterschiedliche Spielertypen haben. Es gibt solche, die fragen detailliert, was sie machen sollen, wenn der gegnerische Innenverteidiger „andribbelt“. Aber es gibt auch die Spieler, und  zumeist sind sie auf den Offensivpositionen zuhause, die frei Schnauze ganz intuitiv agieren. Und die erreicht man besser mit einer emotionalen Sprache.

Natürlich muss ein Trainer allen Spielern Matchlösungen, also sozusagen eine Grammatik anbieten. Denn sie müssen blitzschnell ihre Software so abspulen, dass sie entscheiden können, was in einer bestimmten Situation geht und was nicht. Es macht einen überragenden Spieler aus, dass er blitzschnell aus verschiedenen Lösungen die richtige wählt. Dennoch bleibt die Frage, wie weit einen Gebrauchsanweisungen und Pläne im Fußball führen. Man kann ein Spiel nicht nur taktisch lösen, sondern braucht auch Herz. Ein Spiel besteht nicht nur aus Verstand, es hat eine psychologische Seite, du brauchst soziale Kompetenz und musst Liebe einbringen. Diese Komponenten muss ein Trainer bei Spielern genauso entwickeln wie den Spielaufbau im „Trapezraum“. Was das ist? Ach: Geht einfach richtig drauf!

Peter Hyballa, 39, war Cheftrainer bei Alemannia Aachen so wie Sturm Graz. Derzeit trainiert er die U19 von Bayer Leverkusen.